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Home / News&Stories / Interview: Welche Risiken gibt es bei der Gründung digitaler Plattformen?
Risiken bei der Plattformgründung

Interview: Welche Risiken gibt es bei der Gründung digitaler Plattformen?

Beitrag von Vivien GebhardtBeitrag von Vivien GebhardtVivien Gebhardt
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Donnerstag, 12. März 2026
Donnerstag, 12. März 2026
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Digitale Plattformen strukturieren Prozesse und schaffen Effizienz. Doch wer eine Plattform gründet, übernimmt auch Verantwortung – rechtlich, organisatorisch und strategisch. Julia Camara, Mitbegründerin der Pflegeplattform NaviCare Now, spricht im Interview mit uns über ihre Gründungserfahrungen und erläutert, welche Haftungs- und Risikofragen Gründer von Anfang an mitdenken sollten.

Artikelübersicht:

Welche Risiken müssen Gründer digitaler Plattformen kennen?

Wie richten Gründer ihre Business-Strategie neu aus?

Wo liegen die Risiken digitaler Plattformen?

Wie wirkt sich ein Strategiewechsel auf Unternehmensrisiken aus?

Warum ist zu schnelles Wachstum ein Risiko für Plattformen?

Welche Risiken müssen Gründer digitaler Plattformen kennen?

 exali: Was war die Grundidee von NaviCare Now?

Julia Camara:
Die ursprüngliche Idee von NaviCare Now war es, Pflegeprozesse digital zu strukturieren, im Sinne eines ganzheitlichen Orientierungssystems.

Ich habe die letzten 10 Jahre selbst in verschiedensten Pflegesettings gearbeitet und über die Jahre erlebt, dass Pflegefachpersonen nicht an mangelnder Kompetenz scheitern, sondern an struktureller Überlastung. Informationen sind fragmentiert, Prozesse uneinheitlich, Verantwortung unklar verteilt. Unsere Grundidee war deshalb:

Wie können wir Pflege dort unterstützen, wo sie am verletzlichsten ist, nämlich in hochkritischen Momenten wie Neuaufnahmen, Risikoanalysen und haftungsrelevanter Dokumentation?

Wir wollten kein weiteres Feature liefern, sondern Prozesse übernehmen und ganzheitlich unterstützen.

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Wie richten Gründer ihre Business-Strategie neu aus?

exali: Ihr habt euch strategisch neu ausgerichtet. Gab es einen konkreten Moment oder mehrere Erkenntnisse, die den Strategiewechsel ausgelöst haben?

Julia Camara:
Seit November 2025 nehmen wir gemeinsam mit dem Team von aeduco am Now2Next Accelerator des DZ.S Schwaben teil. Dort werden wir engmaschig von großartigen Mentorinnen und Mentoren auf dem Weg zur Gründung begleitet und arbeiten sehr strukturiert an unserem Geschäftsmodell.

Im Rahmen des Programms haben wir begonnen, unsere Annahmen systematisch zu hinterfragen und Hypothesen über Zielgruppen, Nutzenversprechen und Skalierungspotenziale zu formulieren. Dabei wurde schnell deutlich:

Der größte Hebel liegt vorerst nicht im breiten Versorgungsumfeld, sondern ganz konkret in stationären Pflegeeinrichtungen. Dort bündeln sich mehrere wichtige Faktoren: Zeit- und Personaldruck sind hoch. Zusätzlich sehen sich Betroffene komplexen Dokumentationsanforderungen und unmittelbaren Haftungsrisiken gegenüber. Gleichzeitig besteht ein enormer Bedarf an struktureller Entlastung.

Der Strategiewechsel war daher keine spontane Richtungsänderung, sondern das Ergebnis systematischer Validierung.

Tipp:

Als Gründerin oder Gründer müssen Sie immer wieder schwierige Entscheidungen treffen. Damit Ihnen das leichter fällt, lohnt sich ein Blick in unseren Artikel Wie treffen Sie die richtigen Business-Entscheidungen?

exali: Warum habt ihr euch auf Erstaufnahme, Risikoanalysen und Expertenstandards fokussiert?

Julia Camara:
Weil hier die Weichen gestellt werden. Die ersten Tage nach einer Neuaufnahme sind in Pflegeeinrichtungen hochsensibel. In kurzer Zeit müssen Informationen gesammelt, Risiken eingeschätzt und Versorgungsentscheidungen vorbereitet werden. All das geschieht oft unter erheblichem Zeitdruck.

Gleichzeitig sind genau diese Prozesse haftungs- und qualitätsrelevant. Wenn Risiken nicht frühzeitig erkannt werden oder Maßnahmen nicht klar abgeleitet sind, entstehen Unsicherheiten, Nachbesserungen oder im schlimmsten Fall Versorgungslücken.

Expertenstandards bilden dabei den fachlichen Referenzrahmen. Sie sind kein theoretisches Konstrukt, sondern definieren den Stand pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass ihre strukturierte Umsetzung im Alltag nicht immer selbstverständlich ist – nicht aus mangelnder Kompetenz, sondern aus strukturellen Gründen.

Unsere Fokussierung war deshalb eine bewusste Entscheidung für die Bereiche mit der größten Verantwortung und der höchsten Dringlichkeit.

Wo liegen die Risiken digitaler Plattformen?

exali: Digitale Plattformen können Prozesse strukturieren und Risiken sichtbar machen. Wo stoßen sie deiner Ansicht nach an ihre Grenzen?

Julia Camara:
Digitale Systeme können strukturieren, aber sie können nicht entscheiden. Die größte Gefahr digitaler Plattformen liegt in einer falschen Erwartungshaltung: Man glaubt, Technik ersetze Fachlichkeit. Das tut sie nicht. Digitale Lösungen können Hinweise geben, Muster erkennen und Risiken priorisieren, aber die letzte Verantwortung sollte immer bei einer Fachperson liegen.

Algorithmen dürfen niemals ein Ersatz für fundierte Entscheidungen sein. Wenn Daten ohne Kontext interpretiert werden und das Thema Haftung nicht sauber geregelt ist, stoßen digitale Plattformen schnell an ihre Grenzen.

Wir sehen unsere Rolle deshalb nicht als Entscheidungsinstanz, sondern als strukturierende Unterstützung.

exali: In der Praxis entstehen Risiken häufig durch falsche Annahmen über die Wirkung von Technik. Welche Erwartungen begegnen euch?

Julia Camara:
Uns begegnen vor allem zwei Extreme: Die Einen denken, „Digitalisierung löst unser Personalproblem“. Die anderen befürchten „Digitalisierung schafft nur zusätzliche Arbeit“.

Beides stimmt nicht. Technik kann Prozesse erleichtern, aber sie ersetzt keine Pflegefachperson. Und sie erzeugt dann Mehraufwand, wenn sie nicht sauber integriert ist. Unsere Antwort darauf ist: Wir übernehmen aktiv Prozesse, statt nur Tools bereitzustellen. Dadurch entsteht keine zusätzliche Dokumentationslast, sondern echte Entlastung.

Wie wirkt sich ein Strategiewechsel auf Unternehmensrisiken aus?

exali: Hat der Strategiewechsel auch eure eigene Risikobewertung als Unternehmen verändert?

Julia Camara:
Ja, und zwar auf mehreren Ebenen. Je stärker wir uns mit Erstaufnahme, Risikoanalysen und Expertenstandards beschäftigen, desto deutlicher wurde uns, wie sensibel dieses Feld ist. Wir bewegen uns nicht im Bereich „Komfort-Features“, sondern im Kern haftungsrelevanter Prozesse. Das hat unseren Blick geschärft. Wir haben sehr bewusst definiert, welche Rolle wir übernehmen, wo unsere Verantwortung beginnt und wo sie endet.

Uns war wichtig, keine Grauzonen entstehen zu lassen. Digitale Lösungen im Gesundheitswesen dürfen nicht den Eindruck erwecken, sie würden Entscheidungen abnehmen oder Verantwortung verlagern. Unser Strategiewechsel war deshalb auch eine Entscheidung für Klarheit: Wir verstehen uns als strukturierende, fachlich fundierte Unterstützung und nicht als Ersatz für professionelle Pflegeentscheidungen vor Ort. Diese bewusste Rollenklärung war für uns ein zentraler Reifeschritt als Unternehmen.

Warum ist zu schnelles Wachstum ein Risiko für Plattformen?

exali: Welche Learnings habt ihr aus dem Strategiewechsel gezogen? Was würdet ihr anderen Gründern raten?

Julia Camara:
Das wichtigste Learning: Skalierung darf nie vor Verantwortung kommen. Im Gesundheitswesen ist es gefährlich, zu schnell zu wachsen oder Effizienz über Fachlichkeit zu stellen. Ich würde anderen Gründerinnen und Gründern raten: Setzt euch mit den regulatorischen Rahmenbedingungen eurer Branche auseinander, bis ihr sie wirklich versteht. Denkt dabei auch das Thema Haftung von Anfang an mit. Und sprecht früh mit Menschen aus der Praxis.

Innovation im Gesundheitswesen bedeutet nicht Wachstum um jeden Preis, sondern verantwortungsvolle Weiterentwicklung entlang am Bedarf und den offiziellen Rahmenbedingungen.

Julia Camara
Unsere Interviewpartnerin: Julia Camara

Julia Camara ist Gründerin und CEO von NaviCare Now und Pflegeexpertin mit über 10 Jahren Praxiserfahrung in Alten- und Krankenpflege. Als examinierte Pflegefachkraft kennt sie die strukturellen Herausforderungen digitaler Prozesse aus erster Hand – sowohl durch ihre berufliche Tätigkeit als auch durch persönliche Erfahrung als pflegende Mutter.

Bei NaviCare  Now kombiniert sie tiefes Pflege-Know-how mit technologischer Entwicklung, um hochkritische Prozesse wie Neuaufnahmen und Risikoanalysen zu strukturieren und Pflegeeinrichtungen im Alltag ganzheitlich zu unterstützen.

Vivien Gebhardt
Autorenprofil
Vivien Gebhardt
Online-Redakteurin

Vivien Gebhardt ist Onlineredakteurin bei exali. Hier erstellt sie Content zu Themen, die Selbständigen, Freiberuflern und Unternehmern unter den Nägeln brennen. Ihre Spezialgebiete sind Risiken im E-Commerce, Rechtsthemen und Schadenfälle, die bei exali versicherten Freelancern passiert sind.

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Vivien Gebhardt
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